jeudi 29 juillet 2021

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„Kleidung, die intelligent ist“

, Daniela Goeller

Die südafrikanische Mode befindet sich im Aufbruch
Die Modeszene Südafrikas ist von den Auseinandersetzungen im Land ge-prägt : Vom Blick zurück in die inländische Apartheidsgeschichte und vom Blick vorwärts in eine global vernetzte Zukunft. Bei der Kleidung führt das zu einem Crossover alter und innovativer Styles.

In Fachkreisen gilt Südafrika schon lange als Trendschmiede. Das Land hat eine lebendige aufstrebende Modeszene und es hat schon viele namhafte Desig-ner* innen hervorgebracht. Besonders bekannt ist Südafrika für seine außerge-wöhnliche Street-Fashion. Am 8. September 2019 gewann Thebe Magugu als erster Modeschöpfer des afrikanischen Kontinents den Prix LVMH in Paris. Das ist der wahrscheinlich wichtigste internationale Preis für Nachwuchsdesig-ner*innen. Bereits im Frühjahr war der junge südafrikanische Designer beim In-ternational Fashion Showcase 2019 in London ausgezeichnet worden. Magugus Modekollektionen machen auch Anleihen bei südafrikanischen Sub-kulturen. Seine High Fashion trifft mit einer in der Street-Fashion verbreiteten Auseinandersetzung mit der Landesgeschichte von unten zusammen.

© Agnese Sanvito

Magugu präsentierte in Paris seine Sommerkollektion 2020, die den Titel Pro-sopography trägt. Seine Mode besticht durch ihre eleganten Schnitte und über-raschenden Details, die edlen Materialien und intensive Farbigkeit, sowie den effektvollen Einsatz von Bildern und Mustern. Die Modelle der Prosopography-Kollektion sind von der Damenmode der 1950er und 60er Jahre inspiriert, wel-che er in die heutige Zeit überträgt. In den fließenden, figurbetonten Kleidern, Faltenröcken und Blusen kommt eine elegante und selbstbewusste Weiblichkeit zum Ausdruck.

Alle Kleidungsstücke aus dieser Kollektion tragen einen Mikrochip, der über die Plattform der Marketing- und Technologiefirma Verisium Zugang zu Hinter-grundinformationen gewährt. Dabei geht es um die historischen Zusammen-hänge, Produktionstechniken oder Inspirationsquellen hinter einzelnen Klei-dungsstücken. So wurde das floral-abstrakte Muster der Zebra Mud Blouse mit von einem südafrikanischen Heiler angerührtem Lehm auf den Stoff aufgetra-gen, was die warme und intensive braun-rote Färbung erklärt. Der Designer nutzt neueste technologische Entwicklungen und schafft neue Wege der Kom-munikation und Kundenbindung. Seine Mode zeichnet sich nicht nur durch ihre Ästhetik und Kreativität, sondern durch Innovation sowie ein geschärftes histo-risches und soziales Bewusstsein aus. Damit trifft er den Nerv einer Zeit, in der Themen wie Dekolonialisierung, Kommerzialisierung und Nachhaltigkeit, Kli-mawandel, Diversität und Gendergerechtigkeit auch in der Mode angekommen sind.

Eine besondere Bestimmung von Identität und Authentizität steht im Mittel-punkt von Magugu’s Arbeit, dabei sei das Authentische, sagt Magugu, „etwas sehr Persönliches. Man wird nicht authentischer, wenn man sich isoliert und von der globalen Entwicklung abkoppelt. Authentizität äußert sich vielmehr in der Art und Weise, wie man sich dazu in Beziehung setzt.“

© Agnese Sanvito

Die Landesgeschichte im textilen Design

Geboren wurde Magugu 1993 in Kimberly, heute lebt er in Johannesburg, wo er auch eine Ausbildung zum Modedesigner an der Lisof Fashion School absol-viert hat. Seine erste Kollektion mit Frauenmode brachte er 2017 heraus. In den Kreationen seines Labels, das schlicht seinen Namen trägt, kommt das Lebens-gefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck.

Diese Generation sucht einen neuen Zugang zur schwierigen Geschichte ihres Landes, welche bis heute einen langen Schatten auf die Regenbogennation wirft. Magugu setzt in seiner Arbeit bewusst auf historische Zusammenhänge, Aufklärung und Bildung. Er will mit seiner Mode Geschichten erzählen und bricht mit gängigen Vorstellungen. In einem Interview unterstreicht er die Be-deutung von Kleidung : „Ich schätze besonders Kleidung, die intelligent ist, das heißt über ihre materielle Qualität hinaus eine Botschaft transportiert und von der man sogar etwas lernen kann.“ Er wählt programmatische Titel für seine Kollektionen. Für seine preisgekrönte Installation African Studies in der Aus-stellung Brave New Worlds im Somerset House in London stellte er die Kleider-puppen auf eine lange Papierbahn, die mit dem Text der südafrikanischen Ver-fassung bedruckt war.

Außerdem gibt Magugu ein eigenes Magazin in Form eines Jahrbuchs heraus, das nicht zufällig Faculty Press heißt. Darin will er zusammen mit anderen Künstler*innen die zeitgenössische Kultur der kreativen Szene in Südafrika do-kumentieren. Das Thema der ersten Ausgabe lautete ebenfalls African Studies und das Titelbild zeigte eine Person des queeren Performance-Duos FAKA.

Kleidung und Mode haben in Südafrika eine große Bedeutung, die weit über die Außenwahrnehmung von traditioneller Zulu-Kleidung aus Tierfellen, dem welt-bekannten Beadwork (Perlenweberei und -stickerei), oder den inzwischen in vielen Farben hergestellten und weit verbreiteten geometrisch gemusterten Shweshwe-Stoffen hinausgeht. Auch diese Einflüsse spielen in der zeitgenö-ssischen Mode eine wichtige Rolle. Der junge Designer Laduma Ngxokolo wurde mit seiner 2012 gegründeten Strickwaren Marke Maxhosa international bekannt. Er greift die Symbole, Muster und Farben des traditionellen Beadworks der Xhosa auf und überträgt sie in ein anderes Material. Im Zusammentreffen einheimischer Traditionen mit internationalen Einflüssen (wie bei Beadwork und Schweshwe) und der globalen Mode europäischer Prägung wird über die Klei-dung weiterhin kulturelle Identität neu bestimmt und verhandelt. Die Kleidung dient der Selbstdarstellung und ist oft auch als politisches Statement zu lesen. Stuart Hall hat einmal darauf verwiesen, „wie sich der Stil, den die Mainstream-Kulturkritiker oft als bloße Hülle, Umhüllung und Zuckerüberzug der Pille be-trachten, innerhalb des schwarzen Repertoires selbst zum Thema des Gesche-hens entwickelt hat.“ Über den Stil, der gleichzeitig normativ und individuell ist, werden jene Bezüge hergestellt, die Magugu als Authentizität bespricht.

© Agnese Sanvito

Pantsula : Tanzkultur um Selbstermächtigung …

Als Soundtrack für seine Installation in London hatte Magugu einen südafrika-nischen Song ausgewählt. Es handelte sich um ein Remix der legendären Kwaito-Sängerin Lebo Mathosa, die 2006 bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Sängerin war eine zentrale Figur in der Musikszene der 1990er Jahre, wel-che das Ende der Apartheid markierten. Lebo Mathosa steht für die Generation, die diesen Umbruch mit herbeigeführt hat und sie steht auch für die wahr-scheinlich einflussreichste Subkultur Südafrikas : Pantsula.

Die heutige Jugend kennt Pantsula als originelle urbane Tanzform, die interna-tional Beachtung findet. Viele wollen als Tänzer*in Karriere machen. Entstanden ist Pantsula in den 1980er Jahren in den Townships. Doch die Mischung aus Tanz, Mode, Sprache und Lebenseinstellung hat Wurzeln, die bis in die So-phiatown-Renaissance der 1940er Jahre zurückreichen.

Das Wohnviertel Sophiatown im Westen Johannesburgs, das von Menschen aller Hautfarben und Ethnien bewohnt wurde, entwickelte sich in den 1940er und 50er Jahren zu einem kulturellen Zentrum, vergleichbar mit Harlem im New York der 1920er Jahre. Aus dieser kulturellen Szene gingen viele berühmte Per-sönlichkeiten hervor, wie die Sängerin Miriam Makeba. Viele von ihnen, darunter auch der spätere Staatspräsident Südafrikas, Nelson Mandela, setzten sich ge-gen das Apartheid-Regime ein, besonders als die Regierung das Viertel zerstö-ren wollte, was 1955 trotz anhaltender Proteste auch geschah.

Der Lifestyle der damaligen Zeit war geprägt durch US-amerikanische Kinofilme und Jazzmusik. Die Bilder auf der Leinwand und den Schallplattenhüllen haben auch die Kleidung nachhaltig geprägt. Hut, Anzug, Hemd, Krawatte, ein- oder zweifarbige Lederschuhe, manchmal kombiniert mit einem Trenchcoat, waren angesagt. Die Frauen pflegten einen ausgeprägt femininen Stil. Ihre Kleider oder Blusen und Röcke sowie die Schuhe mit halbhohen Absätzen kamen häufig von denselben internationalen Labels wie die der Männer. Es gab auch den lässigen Stil mit Bundfaltenhosen, karierten Flanellhemden, Strickpullovern mit geomet-rischen Mustern und Blousons. Dieser Stil zeigt die Einflüsse von britischer, irischer und schottischer, aber auch amerikanischer Sportmode.

Die alten Porträtfotos in Familienalben zeugen noch heute vom Stil dieser Zeit, der sich zum Teil auch in den Kleiderschränken der Eltern und Großeltern der Post-Apartheid Generation erhalten hat. Viele junge Leute wollten in den späten 2000er Jahren, fast zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid, genau diese Zeit wieder zum Leben erwecken und ins kollektive Gedächtnis zurückholen, darun-ter auch Mode-Kollektive wie Khumbula, I-see-a-different-you und die Sartists. Sie inszenierten und lebten den historischen Stil wie einen Fotoroman und knüpften an eine unterdrückte – und deshalb bisweilen auch verklärte – Vergan-genheit an. Aber sie aktualisierten ihre Vorbilder und setzten bewusst einen Ge-genpol zur Konsumgesellschaft der 2000er Jahre. Auch Thebe Magugu greift in seiner Kollektion Prosopography auf den Stil dieser Zeit zurück, in dem er sich von den Frauen der Bewegung Black Sash inspirieren lässt, die sich ab den 1950er Jahren für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einge-setzt hatten und bei ihren Protesten eine schwarze Schärpe trugen, die der Be-wegung ihren Namen gab.

Auch die Pantsula-Kultur schöpft aus diesem Fundus und kombiniert geschickt das US-amerikanische Bild des Hustlers mit dem mysteriösen, tadellosen Gent-lemen und Frauenhelden (Humphrey Bogart), dem Intellektuellen und Künstler (Harlem Renaissance, Jazz), dem Entertainer (Frank Sinatra, Fred Astaire) und dem politischen Aktivisten (Black Power-Bewegung, Malcolm X). Schon in den 1980er Jahren aktualisierten die jungen Leute in den Townships überlieferte Musik- und Tanzformen, vor allem Marabi. Sie kreierten den Pantsula-Tanzstil von heute.

© Agnese Sanvito

… und neu-emanzipierter Habitus‘

Der Begriff Pantsula, wird häufig als “Entenwatscheln” übersetzt. Das könnte sich sowohl auf eine charakteristische Haltung in traditionellen südafrikani-schen Tänzen, als auch auf die affektierten jungen Leute beziehen, die durch die Straßen der Townships paradierten, um ihre teuren Markenklamotten zur Schau zu stellen und dabei darauf achten mussten, sich nicht mit Staub zu bedecken. Eine andere Erklärung des Begriffs geht davon aus, dass es sich um eine Anlei-he von einer früheren Tanzform handelt, in der tatsächlich die Hosen (Englisch : pants) heruntergezogen wurden.

Viele Pantsulas waren auch in den 1980er und 1990er Jahren politisch aktiv im Widerstand gegen das Apartheid-Regime. Die Pantsula-Tanzgruppen traten in Wettbewerben gegeneinander an. Individualität spielte eine wichtige Rolle, aber wenn sie als Gruppe auftraten, tanzten sie in identischen „Uniformen”. Schul-uniformen und praktische Arbeitskleidung ersetzen die hochwertige Mode der Sophiatown-Generation der 1940er und 50er Jahre. Diese Kleidungsstücke wa-ren meist aus dem Alltagsgebrauch vorhanden, billiger und auch in großer An-zahl leicht zu beschaffen, wurden aber auch individuell abgewandelt. Die Tanz-gruppe “Vibrations” kreierte in den 1980er Jahren den traditionellen Schach-brett-Look, indem sie Hemden und Hosen in zwei verschiedenen Farben auf-trennten und abwechselnd kombiniert wieder zusammennähten.

Labels wie die US-amerikanische Workwear-Marke Dickies gewannen an Popu-larität. Dickies wird auch heute noch von vielen Tänzer*innen getragen, ebenso wie blaue und orangefarbene Arbeitsoveralls und Latzhosen, die zum Teil auch von lokalen Labels stammen, wie etwa Alaska von City Outfitters. Der Name Alaska wurde ebenfalls von einer legendären Kwaito-Band verwendet. Auch der sogenannte Küchenanzug (Mathanda-Kitchen) ist ein Arbeitsoutfit aus der Zeit der Apartheid. Er hat kurze Ärmel und kurze Hosen und einen am Rücken befes-tigten Gürtel. Ärmel, Hosenbeine und Gürtel sind mit roten Bändern verziert. Der Anzug wurde von Männern und Frauen getragen, die in Küchen und Haushalten arbeiteten. Heute ist er ein Modeartikel, der von City Outfitters in allen mögli-chen Farben und Mustern hergestellt und von vielen Pantsula-Tänzer*innen als Kostüm getragen wird.

Als charakteristische Kopfbedeckung dient den Pantsulas bis heute das soge-nannte Spoti, eine Baumwollkappe mit schmaler Krempe, auch als Anglerhut bezeichnet, die je nach Stimmung des Trägers auf unterschiedliche Weise auf-gesetzt, umgekrempelt oder zusammengelegt wird. Die hochwertigen Leder-schuhe wurden durch die günstigeren, leichteren und flexibleren Converse ‚Chucks‘ All Stars-Turnschuhe ersetzt. Sowohl das Spoti als auch die Converse All Stars sind zum Wahrzeichen der Pantsula-Kultur geworden. Kopano Ratele, heute Professor an der Universität von Pretoria, berichtet in einem Aufsatz von 2012 davon, wie er als Jugendlicher unbedingt ein Paar Converse All Stars ha-ben musste und gibt zu, dass sein Männlichkeitsbild damals ganz wesentlich vom Tragen dieser Schuhe abhängig war. Es gibt auch ein Porträtfoto von The-be Magugu, auf dem er einen weißen Converse-Schuh in den Händen hält.

© Agnese Sanvito

Präsentation der Zukunft

Viele der von den Pantsulas getragenen Kleidungsstücke finden sich auch in der zeitgenössischen Mode wieder, sei es im Original oder in Form von ähnli-chen Schnitten. In jüngster Zeit sind sogar einige von Pantsula-Tänzer*innen selbst direkt vertriebene lokale Labels entstanden.

Es hat sich eine Wende vollzogen von der Selbstermächtigung durch Mode nach US-amerikanischen und europäischen Vorbildern, die von Homi K. Bhab-ha mit dem Begriff des Mimikry belegt wurde, hin zu einer Mode, die im Sinne Thebe Magugus als authentisch zu bezeichnen ist. Der junge Designer greift historische Vorbilder auf und kombiniert sie mit aktuellen Themen und zu-kunftsweisenden Technologien. Das 2019 neu gegründete African Fashion Re-search Institute (AFRI) verfolgt einen ähnlichen Ansatz. AFRI will die Modefor-schung in und über Afrika durch virtuelle und reale Ausstellungen, Podcasts, Gespräche, Workshops, Vorträge und Performance-Interventionen weiter aus-bauen. In der Johannesburger Galerie Momo präsentierte AFRI 2019 eine virtu-elle Ausstellung, die die Arbeit von drei afrikanischen Modedesignern beim In-ternational Fashion Showcase 2019 in London dokumentierte, darunter auch Thebe Magugu. Die von den beiden Gründern von AFRI, Erica de Greef und Lesiba Mabitsela kuratierte Ausstellung nützt innovative Technologien, digitale Formate und Virtual Reality.

Solche Projekte erschließen dringend benötigte Quellen und schaffen eine Plattform für eine neue, kritische Generation von Designer*innen, die die Mode neu erfinden wollen.

© Agnese Sanvito

Voir en ligne : https://bit.ly/2tPnTDA

Ce texte a été publié dans : Iz3w Magazin, 377 Der Lauf der Mode, März/April 2020, S.31-33 (https://www.iz3w.org)

Daniela Goeller ist eine Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin aus Stuttgart und hat in Frankreich und Südafrika gelebt. Zum Look : Auch sie mag Klei-dungsstücke, die Geschichten erzählen und nachhaltig sind. Deshalb trägt sie vor allem hochwertige Vintage und Secondhand-Kleidung, die sie mit Einzel-stücken von lokalen Designer*innen und oft mit einem Halstuch kombiniert. Ihre besten Stücke findet sie fast immer zufällig, im Vorbeilaufen.

Grafische Einklinker :
Das Zusammentreffen von Traditionen und Moderne wird über die Kleidung verhandelt

Die Bilder auf den Schallplattenhüllen haben auch die Kleidung geprägt