Dienstag 26. April 2016

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Aussicht auf Erinnerung, oder: morgen, Havanna!

Traduction de Caroline Gutberlet

, Gert Wiedmaier et Jean-Louis Poitevin

Alle Fassungen dieses Artikels: [Deutsch] [français]

Seit vielen Jahren schon befasst sich Gert Wiedmaier in seinen Arbeiten beherzt mit der Frage nach dem Stellenwert der Bilder und legt die Grundmuster frei, die am Nicht-Ort der Zeit, wie unser Gehirn einer ist, und auf den überaus fehlbaren Trägern, wie sie unsere Neuronen sind, das Wesen der Bilder ausmachen, sie verdunkeln und enthüllen, sie auslöschen und aufhalten.

Auf eine Formel gebracht, bilden die Arbeiten von Gert Wiedmaier und insbesondere seine Fotoarbeiten, bei denen er über viele Jahre hinweg von Wachs als potentem Mittel zur Überdeckung und Offenbarung des Sichtbaren Gebrauch machte, ein Werk, das nicht die Realität, die diese Bilder in Szene setzen, zum Gegenstand hat, sondern den inneren Mechanismus des Erinnerns, der Königsdisziplin unseres Gehirns.
Mit seiner neuen Fotoserie legt Gert Wiedmaier eine plastisch und metaphorisch wirkmächtige Variante dieses Mechanismus vor, wirkmächtig deswegen, weil sie den realen Mechanismen unserer Wahrnehmung sehr nahe kommt.
Hierbei sei erwähnt, dass jedes dieser Bilder das Ergebnis einer Doppelbelichtung ist, und dass das einzige, was nachträglich bearbeitet wurde, der „Ton“ ist, eine über das Schwarzweiß gelegte leichte Patina des Ältlichen. Das ließe sich ebenso gut mit einer Analogkamera erreichen, zumal Gert Wiedmaier sowieso weiß, was auf dem Bild zu sehen sein wird. Doch hier geht es nicht mehr darum, sich auf die Tradition der Schwarzweiß-Fotografie zu berufen, noch darum, bestimmte aktuelle Entwicklungen der Digitaltechnik im Bereich der Bildproduktion abzulehnen, vielmehr wird die Absicht bekräftigt, mindestens zwei Wahrnehmungsschichten in einem Bild festzuhalten und auf diese Weise offenzulegen, wie unser Gehirn und wie die Kette Auge-Wahrnehmung-Erinnerung funktioniert.

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Am selben Ort

Havanna, die kubanische Hauptstadt, ist auch heute noch ein wackliges Konstrukt aus Vergangenheit und wieder Vergangenheit und immer noch Vergangenheit, eine Art lebendige Erinnerung an eine verschwundene Epoche, die freilich für die Menschen, die hier leben, eine Vergangenheit im Präsenz ist. Was Gert Wiedmaier hier sucht, ist allerdings nicht das touristische, in der Nach-Geschichte verankerte Bild, sondern ein Schauplatz, der sich für seine Erforschung des Erinnerungsvorgangs als sehr fruchtbar erweist.
Was er mit einer einfachen fotografischen Geste erarbeitet, sind Bilder, die sich aus zwei Aufnahmen zusammensetzen, einer aus der Ferne und einer unmittelbar darauf folgenden vom selben „Ort“ aus nächster Nähe. Die erste Bild-Schicht gibt wieder, was für einen Menschen sichtbar ist, der steht und geradeaus schaut. Die zweite Bild-Schicht hingegen gibt wieder, was ein Auge sieht, das sich an der Außenhaut eines Gebäudes, das im ersten Bild prominent anwesend ist, förmlich festsaugt.
Mit der Ferne korrespondiert die Nähe, mit der Sicht das Tasten, mit dem Blick die Liebkosung, mit dem Auge die Hand. Diese Metapher stimmt zwar, gibt aber nicht wieder, was diese Bilder eigentlich auszeichnet, nämlich das Übereinander der Bilder, das sich als ein Übereinander der Erinnerungsschichten manifestiert.
Nun aber erst einmal zum genauen Ablauf. Auf eine Aufnahme aus der Ferne, wie bei einer Stadtlandschaft, erfolgt eine Aufnahme aus nächster Nähe der Außenhaut des Gebäudes, das sich in der Bildmitte befindet. Die Oberfläche dieser Gebäude, die häufig aus Platten besteht und an kranke Haut erinnert, zeugt nicht nur davon, dass die Mauern alt und krank sind und zugleich nichts von alldem, sie schreibt auch in das Sichtbare – das heißt in unsere „normale“ Wahrnehmung – ein, was das Auge beim Wahrnehmen der Landschaft sieht, wenn es auf ein Gebäude vor sich schaut, und was es nicht sieht, da es zu weit weg ist, um die Außenhaut der abschuppenden Mauern wahrzunehmen.
Unter dem Deckmantel eines Spiels mit „fort und da“ setzt Gert Wiedmaier etwas anderes in Szene: eine verborgene Schicht der Funktionsweise der Wahrnehmung und der Psyche.

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Drei Zustände des „mentalen Bildes“

Die Schwierigkeit über Bilder zu sprechen rührt daher, dass jeder welche macht, ohne es zu wissen, und von daher glaubt zu wissen, was ein Bild ist und wie es funktioniert. Doch weit gefehlt, denn auf dieser Ebene haben wir es mit einem Konglomerat von Glaubenssätzen zu tun. Das, wovon die Bilder sprechen, alle Bilder, manche in besonders expliziter und bedeutsamer Weise, ist vielmehr der Mechanismus, durch den dieser „Glaube“ gleichzeitig mobilisiert wird wie der psychische Apparat.
Die Bilderserie Havanna von Gert Wiedmaier gehört zur letzten Kategorie expliziter und bedeutsamer Bilder. In seiner Vorlesungsreihe „Imagination et invention“ aus dem Jahr 1965/66 entwickelte der französische Philosoph Gilbert Simondon eine wegweisende These, die das Verständnis der Bilder – der mentalen ebenso wie der materiellen – grundlegend erneuerte. Im Vorwort zu dem postum erschienenen Vorlesungsband findet sich eine konzise Beschreibung der drei Etappen der Dynamik der Entstehung mentaler Bilder: „Angenommen, die mentalen Bilder sind strukturelle und funktionale Untermengen einer Aktivität, die wir psychische Aktivität nennen. […] Dann können wir drei Etappen unterscheiden. Erstens, das spontane, reine Wachstum als Vorstufe zur Erfahrung des Gegenstands, auf die sich die funktionale Aktivität vorbereitend einstellt; auf das Bild bezogen entspricht das den Anfangsstadien organischen Wachstums. […] Zweitens, das Bild wird zum Empfänger von Informationen aus der Umgebung und zur Quelle von Antwort-Schemata auf diese Reize; […] die Bilder werden tatsächlich unmittelbar funktional, ihr Aufbau richtet sich nach der Dimension des Verhältnisses von Organismus und Umgebung. Drittens, […] die affektiv-emotionale Resonanz vollendet den Aufbau des Bildes systematisch anhand von Verknüpfungen, Assoziationen, Botschaften; es bildet sich eine mentale Welt mit Regionen, Sektoren und qualitativen Orientierungspunkten, sodass das Subjekt über eine Entsprechung für die äußere Umgebung verfügt.“ ( Gilbert Simondon, Imagination et invention, (1965-1966) Paris 2008, S.18.f).
Zu dem hier schematisch dargelegten Prozess der Entstehung der verschiedenen Ebenen mentaler Bilder in der Psyche haben die Bilder von Gert Wiedmaier insofern einen unmittelbaren Bezug, als sie auf das Nahe im Fernen zurückverweisen und so tun, indem sie uns Etappe 2 als konkretes Bild zu sehen geben, als würden sie uns in der Reihenfolge der Bildentstehung von Etappe 3 auf Etappe 1 zurückverweisen.
Davon bleiben die anderen Aspekte dieser Bilder, die ihnen eine intensive emotionale Kraft verleihen, vollkommen unberührt. Aber dass sie das beim Sehen notgedrungen verdeckte Vorhandensein dieser übersprungenen und zugleich in uns aktiven Etappen, ja insbesondere die Funktion des Wahrnehmungsrasters der „Antriebsbilder“ aufzeigen, macht diese Bilder zum Kunstwerk und Zeugnis in einem. Trotzdem künden sie weniger von der heutigen Stadt Havanna als von den Beziehungen, die das Bild, das Sichtbare, die Erinnerung und die verborgenen Schichten unserer mentalen Funktionsweise in uns unterhalten.
Die abschuppende Außenhaut der Gebäude ist zweifellos eine Spur der Vergangenheit, wobei das nicht nur die historische Vergangenheit des ungewissen Vergessens der Jahrzehnte, der Jahrhunderte oder der Dauer eines Menschenlebens ist, sondern die in uns stets aktive Vergangenheit jener Schicht, die ausgehend vom Wahrnehmungsraster der „Antriebsbilder“ mentale Bilder aufbaut.
Die Außenhaut-Fragmente, die sich über das ganze Bild verteilen, ohne es zu verdecken, aber wie von innen heraus auf dieses einwirken, verkörpern und spielen die Rolle der Wahrnehmungsraster beim inneren Entstehungsprozess von Bildern.
Gleichzeitig ist die Fern-Aufnahme sehr wohl der Schauplatz, an dem sich das Subjekt befindet, wenn es aufrecht vor der Landschaft steht.
Damit entfaltet die Fotografie, die wir betrachten, mit ihrer Komposition aus zwei Schichten, die in ein Spannungsverhältnis gebracht wurden, einen realen und zugleich nicht wahrgenommenen Raum, durch den und in dem wir als Subjekte existieren.

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Havanna, endlich!

Diese Bilder sind wie ein Haus mit Aussicht auf die See, nur dass hier statt der See die Erinnerung vor Augen steht. Von den Kubanern fehlt jede Spur, aber nicht, weil eine reale, komplexe, schwierige Lage negiert wird, sondern weil das Thema ein anderes ist. Gert Wiedmaier hat sich Havanna vor allem deswegen ausgesucht, weil diese Stadt mehr als alle anderen Städte auf der Welt heute die Möglichkeit für diese Bild-Erfahrung in sich bereithält.
Was uns diese Bilder zu sehen geben und was sie jenseits von der Geste, die wir mit einem touristischen Vergnügen verknüpfen könnten, an Gefühlen in uns wecken, ist die Poetik des Erinnerns. Nicht die Poetik der Erinnerungen, wohl aber die Poetik der Schichten, aus denen wir bestehen, die uns tragen und uns durchdringen, deren innewohnenden Kräfte uns in alle Richtungen der Zeit forttragen und uns als Subjekt in dem Maße existieren lassen, wie sie uns in ihrem Entstehen verändern.
Der Rückgriff auf einen „Ton“, den Gert Wiedmaier über das Schwarzweiß der Bilder legt, verleiht ihnen ein erlesenes Aussehen und den Flair früher Fotografien. Wo doch diese Fotografien nicht die Vergangenheit des Bildes in Szene setzen, sondern die Vergangenheit des Gesehenen in der Gegenwart des Bildes. Diese Orte in der Stadt „sind“ und „machen“ die Stadt von heute, doch während wir uns angezogen fühlen, weil wir das Nagen der Zeit zu sehen meinen, das sich in der Anwesenheit der aufgeplatzten Außenhäute offenbart, werden wir mit etwas anderem konfrontiert, das da zugange ist: das Auftauchen einer Frage in uns. Diese Frage berührt nicht die Zeit, sondern den Raum, jenen Raum, der uns umgibt und in dem wir leben. Dieser Raum wird uns hier in der Dichte der mentalen Schichten, die ihn „in uns“ zusammensetzen, wiedergegeben.
Die Bilder, die uns Gert Wiedmaier von Havanna vorschlägt, sind „wahre“ Bilder von Havanna, aber nicht weil sie die wahren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und touristischen Gegebenheiten zum Ausdruck bringen, sondern die wahre Wahrnehmung.
Der Raum ist – wie die Zeit – ein mentales und soziales Konstrukt. Die Fotografie versetzt uns hier in die Lage, in der mentalen Dimension, die uns ausmacht, buchstäblich Fuß zu fassen. Was wir hier sehen, entspricht dem, was existiert, aber nicht als das, was RolandBarthes der Ontologie des Bildes zuschreibt, sondern im Sinne der tatsächlichen Möglichkeit des Bildes, in uns Raum existieren zu lassen.
So glauben wir die Zeit vergehen zu sehen, wenn wir diese Bilder betrachten, die vom Auftauchen der aufgeplatzten Außenhaut an den Mauern der Stadt mitten im Bild eingetrübt sind, doch in Wirklichkeit verschieben wir unsere Wahrnehmung der Gegenwart und beginnen wahrzunehmen, dass der Raum das Ergebnis der Projektion unseres Geistes auf die Umgebung ist, um demjenigen, der ihn betrachtet und in ihm lebt, zu ermöglichen, sich in diesem Raum eine Welt einzurichten, also ein Territorium, einen Ort, wo es sich gefahrlos leben lässt.
Ja, jetzt sind wir angekommen! Havanna ist da, vor uns, für uns, in uns. Wir sind ergriffen von diesen Bildern. Und wieder rühren sie sich, wenn wir im Geiste darin zu wandeln beginnen. Und immer noch vibriert das „wahre“ Havanna, wenn wir uns in den zerrissenen Falten der sichtbar werdenden Außenhäute verlieren. Wir dachten eine Welt in Auflösung zu sehen. Wir dachten Geiseln der Vergangenheit zu sein. Jetzt entdecken wir, dass wir Spielzeuge der Gegenwart sind. Einer Gegenwart, die uns offenbart, wie Bilder entstehen, und die uns auf diese Weise zeigt, wie das zu sehen ist, was kommt. Sie lädt uns ein, mit jedem Augen-Blick die magische Formel aufzusagen: Morgen, Havanna!

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